Kontaktpolizist außer Dienst


Thomas Kothe war 40 Jahre lang Polizeibeamter in Kattenturm. Wie fühlt er sich im Ruhestand?

Thomas Kothe im Einsatz. Statt eines Strafzettel gibt's für den Falschparker eine freundliche Ermahnung (Foto: Jens Schmidt, 08-2019)
Thomas Kothe im Einsatz. Statt eines Strafzettel gibt's für den Falschparker eine freundliche Ermahnung (Foto: Jens Schmidt, 08-2019)

(09.03.2020) Seit sechs Wochen ist Thomas Kothe (65) pensioniert. Ende Januar hat er seine Dienstuniform an den Nagel gehängt. Da hatte er schon vierzig Dienstjahre auf dem Buckel, die Hälfte davon war er als Kontaktpolizist in Bremen-Obervieland unterwegs.

 

Wenn sich Thomas Kothe an seine Dienstzeit als Polizeibeamter zurückerinnert, verweist er auf sich als seltenen Fall: Nie habe er Dienst in einem anderen Revier schieben müssen, sei nie versetzt worden. Er war immer im Revier Kattenturm tätig. Dieses Revier war immer zuständig für alle vier Obervielander Ortsteile, also neben Kattenturm auch für Arsten, Habenhausen und Kattenesch.

 

Schlechtes in Kattenturm, Gutes in Obervieland?

Thomas Kothe: "Als das Revier erstellt wurde, wurde es immer Revier Kattenturm genannt. Dann lief das über die Jahrzehnte immer so, dass wenn etwas Schlechtes passiert ist, dann war es in der Presse das Revier Kattenturm, egal, ob es in Habenhausen, Arsten oder Kattenturm selbst passiert ist, und wenn etwas Gutes passiert ist, auch in Kattenturm selbst, dann war es in der Berichterstattung immer das Revier Obervieland."

 

Ist Kattenturm besser als sein Ruf? Woher kommt das schlecht Image von Kattenturm?

Thomas Kothe: "Im Vergleich zu den anderen Ortsteilen ist Kattenturm natürlich riesengroß. Kattenturm hat über 13.000 Einwohner. Von der Bevölkerungsstruktur leben dort einige, die eher nicht zu den einfachen Menschen zählen, sondern eben auch mal welche, die Probleme haben und diese auch machen. Ob das nun die Erziehung ist, das sind so viele Dinge, in wirtschaftlicher Not ist auch Potenzial, dass man mal eine Straftat begeht, wenn sich etwas anbietet. Das hat einfach mit der Menge der Menschen zu tun. Kattenesch hat 3.500, Habenhausen so rund 5 bis 6.000, das ist ja auch mehr ein Stadtteil, wo ganz viel Gewerbe ist, und das macht natürlich ein bisschen was aus. Nichtsdestotrotz wollte ich nie woanders Dienst machen. Das war für mich hier immer interessanter, machte mir mehr Spaß."

 

Wie war in all den Jahren der Umgang mit den "bösen Buben"?

Thomas Kothe: "Ich habe immer versucht, die Leute fair zu behandeln. Ich hatte so gut wie nie ein negatives Feeling seitens der Bevölkerung, auch nicht von den Straftätern. Gerade weil ich ja hier im Stadtteil lebe, bin ich ja auch mal mit der Bahn unterwegs, und es kommt auch vor, dass mich Leute sogar in der Bahn ansprechen und mir ihre Probleme schildern, die sie gerade haben.“


Thomas Kothe, pensionierter Konktaktpolizist aus Kattenturm (Foto: Jens Schmidt, 03-2020)
Thomas Kothe, pensionierter Konktaktpolizist aus Kattenturm (Foto: Jens Schmidt, 03-2020)
Thomas Kothe, pensionierter Konktaktpolizist aus Kattenturm (Foto: Jens Schmidt, 03-2020)

Thomas Kothe (65) ist jetzt im Ruhestand. Als Polizeibeamter tat er 40 Jahre lang Dienst im Polizeirevier Bremen-Kattenturm, davon 20 Jahre als sogenannter KOP (Kontaktpolizist). (Fotos: Jens Schmidt, 03-2020)


Straftäter ohne Führerschein

Thomas Kothe: "Irgendwann hatte ich mal ein Problem mit einem hier im Stadtteil lebenden Straftäter. Ich wusste, dass er keinen Führerschein hat, doch er fuhr einfach bei mir im Bezirk Auto. Da hat er von mir die Kelle gekriegt und ich musste gegen ihn eine Anzeige wegen fahren ohne Fahrerlaubnis schreiben. Das hat der mir damals sehr übel genommen. Letztendlich hat er's dann irgendwie doch verstanden, ich musste deswegen auch zum Gerichtsverfahren und hab ihm dann erklärt, dass das meine Pflicht ist. Das musste ich tun, das ist mein Job. Ich kann sowas ja nicht dulden.

 

Wenn er in meinem Bezirk mit dem Auto fährt, dann hat er Pech gehabt, da kann ich nicht drüber hinweg sehen. Der Typ war wirklich ein richtig Krimineller. Den kann ich ja nicht einfach laufen lassen. Naja, nach ein paar Jahren hat er mir das dann letztendlich verziehen und wir konnten uns wieder grüßen und normal miteinander kommunizieren. Aber am Anfang war das ganz übel, da hat er überall über mich geschimpft, zum Beispiel wenn er seine Kinder in den Kindergarten gebracht hat, da hat er allen erzählt, der Kothe, der hat mich angeschissen."

 

Thomas Kothe als KOP in Bremen-Kattenturm (Privatarchiv, Anfang der Nullerjahre)
Thomas Kothe als KOP in Bremen-Kattenturm (Privatarchiv, Anfang der Nullerjahre)

Die Polizei hilft

Thomas Kothe: "Auch Straftäter wissen, dass man manchmal etwas Gutes für sie tut. Als Kontaktpolizist hat man auch eine soziale Ader. Das geht sogar soweit, dass wenn ich auf Streife bin und da läuft ein Kind draußen rum, dass wenig an hat, nur ein T-Shirt und es sind Minusgrade, dann gehe ich da natürlich hinterher und frage zur Not die Eltern, wieso sie ihr Kind bei Minustemperaturen draußen rumlaufen lassen. Und wenn ich da was sehe, was schlecht ist für's Kind, dann melde ich das natürlich auch dem Jugendamt.

 

Was macht eigentlich ein Kontaktpolizist?

Thomas Kothe: "Sich um alles und nichts kümmern. In dem Bezirk, in dem er zuständig ist, auf Streife zu gehen und zu gucken, ob alles in Ordnung ist. Natürlich gibt es auch feste Aufgaben, wir kriegen zum Beispiel die Strafanzeigen, wenn irgendwo ein Wohnungseinbruch war, auf den Tisch. Dann verabrede ich mich mit den Bürgern und biete eine Sicherheitsberatung an. Das heißt, ich fahre zu den Leuten nach Hause und gucke mir an, ob ich den Leuten Tipps geben kann. Über die Jahre kriegt man doch einen gewissen Sachverstand über die Einbruchsarten und ich empfehle den Leuten, wo sie nachrüsten sollen, damit ich das Ding nicht nach einem Jahr wieder auf den Tisch kriege.

 

Spätestens wenn die Täter wiederkommen, setzen die Leute meine Tipps um und dann machen sie den Terrassengriff abschließbar. Viele Leute, die auf der Terrasse rauchen, schließen ihre Tür nach draußen nicht ab, wenn sie weggehen, obwohl der Terrassengriff abschließbar wäre. Die meisten Einbrüche, mindestens die Hälfte oder noch mehr, passieren tagsüber oder während der Dämmerung. Die Dämmerung wird deshalb gern genommen, weil man da eben sehen kann, ob jemand zu Hause ist. Wann es los geht? Wenn die Herrschaften aufgestanden sind... so ab 11 Uhr."

 

Wer ist das eigentlich, der da tagsüber in Wohnungen einbricht?

Thomas Kothe: "Relativ häufig sind das Einzeltäter. Dabei hat jeder so seine eigene Art, Straftaten zu begehen. Der Kuchen an Straftaten ist vom Geldwert nicht größer geworden, er verteilt sich nur anders. In der Regel sind das keine Leute, die vom Einbrechen leben, sondern welche, die Probleme mit Drogen haben. Die tauschen sich dann untereinander aus, wie man gut in Wohnungen reinkommt. So wie wir uns über andere Sachen unterhalten, unterhalten sich Straftäter auch darüber, wie man an Geld kommt.

 

Es ist auch ganz oft so, dass Leute, die in Betrieben ein Praktikum machen, dieses Wissen dann nutzen. Wir hatten zum Beispiel ein Gastronomieunternehmen in Obervieland, da ist genau an dem Tag Geld weggekommen, als die Kasse besonders voll und das meiste Geld da war, und dann haben wir geguckt, wer da diese Abläufe kennt. Wir haben dann ermittelt und sind dann auf jemanden gestoßen, der zuvor dort sein Praktikum gemacht hat und dafür in Frage kam. Der hat dieses Wissen, was er dort erlangt hat, mit in diese Kreise genommen. Deshalb ist das auch so schade, dass manche Betriebe keine Praktikumsstellen mehr anbieten." 

 

Wie sieht es mit den anderen Kriminalitätsarten in Obervieland aus?

Thomas Kothe: "Die Bürger nehmen natürlich wahr, was passiert, zum Beispiel mit den Drogengeschäften. Ich persönlich finde die Diskussion über die Freigabe von Cannabis gar nicht so schlecht. Die Verfolgung bindet unheimlich viele Kräfte an Personal im Gericht, bei der Polizei und führt letzten Endes zu nichts. Diese Verfahren werden in der Regel sowieso eingestellt. Wenn die Täter damit nicht im Kilobereich hantieren, wird das in der Regel eingestellt und hält nur auf. 

 

Ich hatte auch mal jemanden, der hat das mit einer Plantage genau durchgerechnet. Das war wie eine Wirtschaftlichkeitsberechnung, wie man sich so eine Halle beschafft, was man noch dazu braucht. Der hat berechnet, 10.000 zu investieren und 30.000 dabei rauszukriegen. Ich finde auch, dass diese ständige Diskussion über das Legalisieren und Nichtlegalisieren die Leute verunsichert. Die Leute, die's machen, haben schon jetzt kein Unrechtsbewusstsein mehr, weil sie argumentieren, dass es bald sowieso legalisiert werden soll.

 

Was ich finde, ist, dass Gewalttaten über die Jahre eher weniger geworden sind. Wenn wir vernachlässigte Familien sehen, dann gucken wir schon, ob da Jugendamt und Sozialamt schon dran sind. Wenn ich das mitkriege, die Hinweise dafür kommen oft auch aus Richtung Schule oder so, dass da jemand erzählt, dass irgendwo etwas komisch ist, dann werden wir schon aufmerksam. 

 

Was von diesem Klientel oft ausgenutzt wird, ist, dass die einfach die Bundesländer wechseln. Die wohnen jetzt plötzlich hier und waren kurz vorher noch in Nordrhein-Westfalen. Ich hab noch nicht erkunden können, ob da die Absicht dahinter steckt, neu anzufangen, oder ob das nur verwandtschaftliche Gründe hat. Da geht es um Leute, die irgendwo schon oft aufgefallen sind und das jetzt nicht mehr wollen, und dann ziehen die hierher und verhalten sich erstmal ruhig. Wir stochern dann schon mal nach und fragen auch die Behörde, wo sie herkommen, wenn sie hier auffällig werden und das zu schlimm ist. Man muss da ein bisschen Fingerspitzengefühl haben. Wir wollen ihnen ja auch nicht die Chance nehmen, irgendwo neu anzufangen."

Kontaktpolizist Thomas Kothe als Karrikatur - Bild auf der Einladung zur Abschiedsfeier
Kontaktpolizist Thomas Kothe als Karrikatur - Bild auf der Einladung zur Abschiedsfeier

 

Was bleibt jetzt, nach 40 Jahren Polizeidienst?

Thomas Kothe: "Die Zeit rennt so schnell, und ich habe gedacht, das wird jetzt in der Pension etwas langsamer, aber das ist nicht so. Es geht noch schneller. Mein jetziger Zustand ist immer noch wie gefühlter Urlaub. Ich habe dabei nicht das Gefühl, dass ich nächste Woche wieder in die Uniform muss, das nicht, und das fällt mir auch leicht. Ich hatte mir eigentlich gedacht, dass mir das schwerer fallen würde und dass ich das noch mehr vermissen würde. Insgesamt läuft es aber noch nicht so, wie ich mir das vorstelle, ich habe mit einigen Dingen noch nicht abgeschlossen. Mein Vertreter, der jetzt meine Stelle übernimmt, ist jetzt seit letzten Montag wieder da. Einige Dinge müssen wir noch besprechen. Ich habe mir über die Fälle, die ich über die Jahre bearbeitet habe, Aufzeichnungen gemacht, und diese Sachen möchte ich meinem Kollegen noch übergeben.

 

Ich habe ja 20 Jahre im Streifendienst gearbeitet, seit 1999 bin ich Kontaktpolizist. Das ist ein ganz seltener Fall, dass jemand in seiner gesamten Dienstzeit immer einem Revier zugeordnet ist. Ich bin seit 1979 bei der Polizei und war immer in Kattenturm. Ich hatte vor meiner Dienstzeit eine Ausbildung gemacht, war vier Jahre bei der Bundeswehr und damit Quereinsteiger aus sogenannten freien Berufen. Ich habe damals sofort eine Uniform anbekommen und bin im Streifendienst als dritter Mann mitgelaufen. Danach bin ich auf die Polizeischule gekommen, hab' die Lehrgänge gemacht, aber wir brauchten nicht mehr Marschieren lernen und solche Dinge, weil wir alle schon gedient hatten. Früher musste man das noch.

 

Ich hatte mir damals als Schwerpunkt das Thema Jugendkriminalität gesucht und immer versucht, die relevanten Jugendlichen mit alle Namen anzusprechen. Als dann die Stelle als Kontaktpolizist ausgeschrieben wurde, kann mir das ganz gut zupass und ich hab mir gesagt, dass ist dein Ding, das möchtest du gerne machen. Mir war es immer egal, ob man da mal irgendwann befördert wird. Der Spaß an der Arbeit, etwas bewegen zu können, das war mir wichtig.

 

Wir haben ja inzwischen zwei Polizeireformen gehabt. Früher waren wir so sieben, acht Leute, wir haben immer zusammen Wechselschicht gehabt, wir hatten unseren festen Partner, mit dem wir rausgefahren sind und waren damit ein eingespieltes Team. Die Zeit habe ich genossen. Heute sind nur noch fünf Leute an der Wache, früher waren wir fünfzig. Das ist also schon ein kleiner Unterschied."

 

Was ist das Beste am Pensionärsleben?

Thomas Kothe: "Gut ist, dass ich jetzt nicht mehr so ganz früh aufstehen muss. Mein Dienst ging immer um sieben los, um sechs bin ich aufgestanden. Meine Frau muss noch ein Jahr arbeiten, sie ist Sekretärin im Gymnasium Links der Weser, und sie ist ein bisschen neidisch darauf, dass ich morgens noch liegen bleiben kann. Manchmal jammert sie."

 

Das Interview führte Jens Schmidt