Der Trauerschmerz ist urplötzlich wieder da, obwohl du dachtest, das Schlimmste liegt hinter dir? Trauercoach Jens Schmidt erklärt, was in diesen Momenten wirklich passiert.

Kennst du das? Ein ganz normaler Morgen. Du stehst auf, dein Kopf ist klar, du hast das Gefühl, die Dinge wieder im Griff zu haben. Zum ersten Mal seit Wochen denkst du: Vielleicht schaffe ich das.

 

Und genau dann, ohne jede Vorwarnung, reicht ein einziger Ton aus dem Radio, ein flüchtiger Duft im Vorbeigehen, ein Bild auf dem Handy – und der Schmerz reißt dich mit einer Wucht zurück, die dich fast von den Beinen holt. Alles, was du dir mühsam erarbeitet hast, fühlt sich in diesem Moment wie ausgelöscht an. Als hättest du keinen einzigen Schritt gemacht.

 

Ich bin Jens Schmidt, Unternehmer und Trauercoach. Nach dem Tod meines Sohnes Tim kannte ich diese Einbrüche nur zu gut. Es gab Tage, an denen mein Kopf so leer war, dass ich mich an einfachste Dinge nicht mehr erinnern konnte. Ich weiß, wie sich dieser Boden anfühlt, der plötzlich unter dir verschwindet. Und ich weiß auch: Es gibt einen Weg, mit diesen Einbrüchen umzugehen, ohne dass sie dich jedes Mal komplett aus der Bahn werfen.

 

Warum dich das so unvorbereitet trifft

Das Tückische an diesen Momenten ist: Sie kündigen sich fast nie an. Manchmal lässt sich der Auslöser noch benennen – ein Lied, ein Ort, ein Satz. Oft aber gibt es keinen erkennbaren Grund, und trotzdem ist die Leere in einer einzigen Sekunde wieder vollständig da. Für dich als Unternehmer ist das besonders schwer zu ertragen, weil du es gewohnt bist, in Fortschritt zu denken – ein Ziel, ein Plan, ein nächster Schritt. Wenn sich dann alles anfühlt, als wärst du wieder bei null, ist das nicht nur schmerzhaft, sondern zutiefst verunsichernd.

 

Ein Rückschlag ist kein Rückschritt

So sehr es sich in diesem Moment auch so anfühlt: Du bist nicht zurückgeworfen worden. Trauer verläuft nicht wie ein Projektplan mit klaren Meilensteinen. Sie bewegt sich in Wellen und Spiralen, mal ruhig, mal wie eine Flutwelle, die alles mit sich reißt. Was dich gestern noch stabilisiert hat, kann dich heute überrollen. Das macht es nicht angenehmer – aber es bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt.

 

Was diese Wellen dir eigentlich zeigen wollen

Für mich war eine Erkenntnis entscheidend: Ein solcher Einbruch ist oft ein Hinweis darauf, dass an einer bestimmten Stelle noch etwas unverarbeitet ist. Ein Teil in dir hat dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen.

 

Statt die Welle mit aller Kraft wegzudrücken, habe ich gelernt, ihr bewusst Raum zu geben. Sie zeigt mir, wo noch genauer hingeschaut werden muss. Diese Haltung hat mir geholfen, solche Momente auszuhalten, ohne von ihnen überrannt zu werden – und mir das Gefühl zurückgegeben, nicht komplett hilflos zu sein.

 

Was dir in diesem Moment wirklich hilft

Wehr dich nicht dagegen. Lass den Moment so weit wie möglich zu, ohne dich dafür zu verurteilen.

Erlaube dir, wie du dich fühlst. Erschöpfung, Tränen, Rückzug – das ist erlaubt. Es ist kein Rückfall in alte Schwäche, sondern ein Teil des Prozesses. Greif auf das zurück, was dir schon einmal geholfen hat – ein Tagebuch, ein vertrautes Gespräch, ein Ort, der dir Halt gibt. Diese Werkzeuge sind noch da, du musst sie nur wieder in die Hand nehmen.

 

Wenn der Wunsch nach Ruhe zu groß wird

Ich möchte ein Thema ansprechen, über das selten offen gesprochen wird. In besonders dunklen Momenten kann der Gedanke auftauchen, einfach nicht mehr aufwachen zu wollen. Meistens ist das kein Wunsch nach dem Tod, sondern die Sehnsucht nach einem Ende des Schmerzes.

 

Diese Gedanken machen dich nicht verrückt. Wenn sie aber übermächtig werden oder du konkrete Pläne entwickelst, hole dir bitte sofort professionelle Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 1110111 oder 0800 1110222. In akuten Fällen wähle den Notruf 112. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung dir selbst gegenüber.

 

Diese Wellen gehören zu deinem Weg

Ein Weg mit Kurven, Einbrüchen und steilen Stellen – das ist normal, nicht die Ausnahme. Ein Rückschlag zeigt, dass in dir noch etwas arbeitet. Gib ihm den Raum, den es braucht. Die eigentliche Frage ist: Wie tief steckst du in diesen Wellen gerade wirklich drin? Die meisten Unternehmer, die ich begleite, haben genau darauf lange keine ehrliche Antwort – sie funktionieren einfach weiter, ohne wirklich hinzuschauen, wie sehr sie unter der Oberfläche leiden.

 

 

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